Eidgenössisches Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation

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Volkswirtschaftliche Bedeutung

Die volkswirtschaftliche Bedeutung der nationalen Infrastrukturnetze wird bisher in der Schweiz eher unterschätzt. Oft wird ihr einwandfreies Funktionieren einfach vorausgesetzt. Die politische Debatte über Infrastrukturen orientiert sich hauptsächlich an Fragen der Regulation, der Grundversorgung, des Umweltschutzes und der Finanzierung, während volkswirtschaftliche Aspekte weitgehend ausser Acht gelassen werden. Diesem Defizit soll im Folgenden begegnet werden.

Kapitalwert

Infrastrukturnetze sind ein wichtiger Teil des produktiven Kapitals einer Volkswirtschaft. Der Wert dieses Kapitalstocks kann auf verschiedene Weise bestimmt werden. Ein möglicher Ansatz ist die Berechnung des hypothetischen Wiederbeschaffungswertes, d.h. der Kosten, die anfallen würden, wenn man die Infrastrukturnetze heute komplett neu bauen würde (siehe Wiederbeschaffungswert). Aufgrund der schmalen Datenbasis gibt es dazu nur grobe Schätzungen. Eine kürzlich publizierte Studie des Bundes beziffert den Wiederbeschaff- ungswert der sechs nationalen Infrastrukturnetze auf rund 450 Mrd. CHF (Vgl. Bundesamt für Umwelt (2009): «Wiederbeschaffungswert der Umweltinfrastruktur. Umfassender Überblick für die Schweiz»).

Beschäftigung und Wertschöpfung

Dem sektorübergreifenden Ansatz der Infrastrukturstrategie entsprechend, werden die Beiträge der einzelnen Infrastruktursektoren zu Beschäftigung und Wertschöpfung auf der Basis der Input-Output-Tabelle berechnet, welche die wechselseitige Verflechtung sämtlicher Sektoren der Volkswirtschaft aufzeigt (siehe Wertschöpfung im Strassenverkehr). Durch dieses Vorgehen ist sichergestellt, dass alle Infrastruktursektoren mit derselben Methode und nach den gleichen Massstäben erfasst werden (siehe Vielfalt von Studien). Gemäss der jüngsten verfügbaren Input-Output-Tabelle aus dem Jahr 2005 repräsentieren der Land- und Luftverkehr, die leitungsgebundene Energieversorgung und das Fernmeldewesen insgesamt 4,4% der Arbeitsplätze und 5,3% des BIP der Schweiz, d.h. etwa gleich viel wie das Baugewerbe oder der Tourismus. Die Infrastruktursektoren gehören damit zu den bedeutendsten Wirtschaftszweigen des Landes.

Dass der Anteil am BIP höher ist als jener an der Beschäftigung, erklärt sich durch die überdurchschnittliche Produktivität (Wertschöpfung pro Arbeitsplatz) der Infrastruktursektoren. Besonders ausgeprägt ist die Produktivität in den ausgesprochen kapitalintensiven Energie- und Telekommunikationsbranchen. Demgegenüber ist die Produktivität im Luftfahrtsektor etwa durchschnittlich, im Landverkehr (Schiene und Strasse) liegt sie klar unter dem volkswirtschaftlichen Mittelwert.

 

direkte Wertschöpfung

direkte Beschäftigung

[Mrd. CHF]

[% des BIP]

[Tausend]

[%]

Strasse

5.8

1.5%

56.7

1.7%

Schiene

3.2

0.6%

33.3

1.0%

Luftfahrt

1.2

0.3%

7.6

0.2%

Strom und Gas

8.1

1.9%

21.9

0.7%

Telekommunikation

4.8

1.1%

24.6

0.8%

Total Infrastrukturbereiche (engere Definition)

23.1

5.3%

144.0

4.5%

Nebentätigkeiten Verkehr

5.3

1.2%

54.3

1.7%

Total Infrastrukturbereiche (weitere Definition)

28.4

6.5%

198.3

6.1%

Direkte Beschäftigung und Wertschöpfung in den Infrastruktursektoren (2005)

Quelle: Ecoplan

Durch das Beziehen von Vorleistungen (z.B. Tiefbau, Fahrzeuge, Ausrüstungen, Ingenieurleistungen) generieren die Infrastruktursektoren zusätzliche Beschäftigung und Wertschöpfung in anderen Wirtschaftszweigen, die sonst nicht stattfinden würde. Wegen der relativ niedrigen Importquote der Infrastruktursektoren ist dieser Sekundär- oder Multiplikatoreffekt vergleichsweise stark. Rechnet man ihn mit ein - wobei man sich der methodischen Vorbehalte gegenüber Multiplikatoren bewusst sein muss -, stehen insgesamt 9% der Arbeitsplätze und 10% des BIP der Schweiz direkt oder indirekt mit den Infrastruktursektoren in Verbindung.

Infrastruktursektoren

direkte und indirekte Wertschöpfung

direkte und indirekte Beschäftigung

Multiplikator

[Mrd. CHF]

[%]

Multiplikator

[Tausend]

[%]

Strasse

1.76

10.1

2.6%

1.58

89.6

2.8%

Schiene

1.76

5.6

1.0%

1.58

52.5

1.6%

Luftfahrt

1.21

1.4

0.3%

3.85

29.2

0.9%

Strom / Gas

2.07

16.8

3.8%

3.43

75.0

2.3%

Telekom

2.05

10.0

2.3%

1.93

47.5

1.5%

Total (engere Definition)

1.90

43.8

10.0%

2.04

293.9

9.0%

Nebentätigkeiten Verkehr

1.96

10.5

2.4%

2.18

118.4

3.6%

Total (weitere Definition)

1.91

54.3

12.4%

2.08

412.2

12.7%

Direkte und indirekte Beschäftigung und Wertschöpfung in den Infrastruktursektoren(2005)

Quelle: Ecoplan

Produktivität, Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit

Diese blossen Zahlen werden der Bedeutung der Infrastruktursektoren für die schweizerische Volkswirtschaft allerdings nicht gerecht. Was darin nämlich kaum zum Ausdruck kommt, ist die fundamentale Bedeutung einer gut funktionierenden Infrastruktur für die Prosperität eines Landes. Leistungsfähige und zuverlässige Infrastrukturnetze senken die Transaktionskosten für alle Wirtschaftsteilnehmer entscheidend; dadurch können Menschen, Waren, Energie und Informationen rascher, billiger und über grössere Distanzen in produktive Beziehungen miteinander treten. Märkte vergrössern sich, die gesellschaftliche Arbeitsteilung nimmt zu, die Produktivität steigt - seit jeher waren die Infrastrukturnetze Treiber des Wohlstands und des wirtschaftlichen Wachstums.

Ein direkter Zusammenhang zwischen Infrastrukturausstattung und Wirtschaftsentwicklung lässt sich empirisch für alle Epochen nachweisen. Besonders deutlich trat dieser in der Phase der Industrialisierung zu Tage, als bahnbrechende Innovationen wie Dampfmaschine, Elektrizität, Telefon, Automobil oder Flugzeug den Aufbau völlig neuer Infrastrukturnetze nach sich zogen. Dies löste nicht nur gewaltige Investitionswellen aus, die jeweils den Beginn einer Hochkonjunktur markierten, sondern revolutionierte die gesamte Wirtschaftsstruktur, wobei die gesellschaftliche Produktivität jedes Mal auf ein neues Niveau gehoben wurde (siehe Basis-Innovationen). Heute lassen sich in den Schwellenländern ähnliche Phänomene beobachten; in den hoch entwickelten Volkswirtschaften dagegen tritt inzwischen eher der umgekehrte Zusammenhang in den Vordergrund: Störungen oder gar Zusammenbrüche der bereits gut ausgebauten Infrastrukturnetze können potenziell sehr grosse volkswirtschaftliche Schäden nach sich ziehen. In den OECD-Staaten hat die Erhaltung der Funktionalität und Leistungsfähigkeit der bestehenden Netze Priorität (Vgl. OECD (2006): «Infrastructure to 2030»). Das bedeutet keineswegs, dass keine Neuinvestitionen mehr getätigt werden; diese dienen aber hauptsächlich dem Zweck, die bereits gut entwickelten Netze zu ergänzen, zu modernisieren und aufzuwerten.

In den vergangenen Jahrzehnten haben die Unterschiede in der Infrastrukturausstattung zwischen den Industriestaaten abgenommen, dennoch scheint die Bedeutung der Infrastrukturen für die globale Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Länder nicht geringer geworden zu sein. Sie könnte in Zukunft sogar weiter zunehmen, da im Zeitalter der Globalisierung die Suche nach dem attraktivsten Standort zu einem zentralen unternehmerischen Erfolgskriterium geworden ist. In dem Masse, wie die mobilen Produktionsfaktoren beweglicher und damit homogener werden, steigt die Bedeutung der ortsgebundenen Faktoren wie Erreichbarkeit und Versorgungssicherheit. Der Zustand und die relative Qualität der Infrastrukturnetze bleibt darum auch in Zukunft ein entscheidender Faktor für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der schweizerischen Volkswirtschaft.


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Weitere Informationen

Wiederbeschaffungswert der Umweltinfrastruktur (externer Link, neues Fenster) 
Umfassender Überblick für die Schweiz
Bundesamt für Umwelt (2009)

Infrastructure to 2030 (externer Link, neues Fenster) 
Telecom, Land Transport, Water and Electricity

Fachinformationen

Wiederbeschaffungswert

Es versteht sich, dass die bestehenden Infrastrukturnetze bei den heutigen Ansprüchen an die Funktionalität, im heute gültigen Rechtsrahmen und mit den heute verfügbaren Technologien in ihrer historisch gewachsenen Form nicht
«wiederbeschafft» werden könnten.

Wertschöpfung im Strassenverkehr

Bei dieser Erfassungsmethodik bleibt die nichtgewerbliche Nutzung der Infrastrukturen – beispielsweise durch den privaten Strassenverkehr – ausgeklammert. Gemäss Schätzungen würde die Berücksichtigung des nichtgewerblichen Verkehrs den Anteil des Landverkehrs an der direkten und indirekten Wertschöpfung der Schweiz beinahe verdoppeln (Vgl. «Die Nutzen des Verkehrs»).
Die Nutzen des Verkehrs (externer Link, neues Fenster) 
Teilprojekt 2: Beitrag des Verkehrs zur Wertschöpfung in der Schweiz

Vielfalt von Studien

Es gibt zahlreiche andere Untersuchungen zur volkswirtschaftlichen Bedeutung der einzelnen Infrastruktursektoren, die zu teilweise stark abweichenden Resultaten kommen. Da diese sektoriellen Studien jedoch untereinander nicht vergleichbar sind, werden sie hier nicht wiedergegeben.

Basis-Innovationen

Ausgeprägte, lang anhaltende wirtschaftliche Aufschwünge, die durch so genannte «Basis-Innovationen» und damit zusammenhängende Investitionen in neue Infrastrukturnetze ausgelöst werden, werden nach dem russischen Konjunkturforscher Nikolai D. Kondratiew (1892-1938) benannt. Ob im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Informations- und Kommunikations-technologien (IKT) eine neue «Kondratiew-Welle» ausgelöst wurde, ist offen; es gibt aber Anzeichen dafür, dass der kräftige Anstieg der durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate der Weltwirtschaft ab den 1990er Jahren mit der Revolutionierung der Informationsverarbeitung und -übertragung zu tun hatte.


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