Sommermedienanlass: Klimaaktivisten stören Albert Rösti (NZZ, 02.07.2026)
Der Sommerausflug des Bundesrats verläuft weniger friedlich als in vergangenen Jahren
Neue Zürcher Zeitung, 02.07.2026
Von Jana Schmid
Auf dem Bahnhofplatz in Luzern setzt Bundesrat Albert Rösti vor einer Traube Journalisten zu einer Rede an. Es dauert nur Sekunden, bis ihm eine Person in lachsfarbener Regenjacke ins Wort fällt und ruft: «Röstis Scheissumweltpolitik verstösst gegen Menschenrechte!»
Vorbei ist es mit der lockeren Stimmung, die Albert Rösti und seine Pressestelle an diesem Mittwoch verbreiten wollten. «Rösti, Rösti, mir lönd eus nid röste», rufen ein Dutzend Klimaaktivisten. Bald werden es mehr. Sie pusten in ihre Trillerpfeifen, dass sich die Leute die Ohren zuhalten. Was Albert Rösti als «Spaziergang» vom Bahnhof Luzern ins Verkehrshaus angekündigt hatte, wird zum Protestzug im Marschtempo. So hat sich der SVP-Bundesrat seinen Sommerausflug mit Medienschaffenden vermutlich nicht vorgestellt.
Von Pascal Couchepin erfunden
Bundesrätinnen und Bundesräte laden Journalisten gelegentlich zu einer Art Schulreise ein. Sie nutzen dafür das Sommer- oder das Winterloch, wenn der Politikbetrieb ruht und die Nachrichtenlage dünn ist. Altbundesrat Pascal Couchepin (FDP) soll den Brauch einst ins Leben gerufen haben, indem er Jahr für Jahr mit einer Schar Journalisten auf die St.-Peters-Insel wanderte. Später spazierte Simonetta Sommaruga (SP) mit ihnen die Aare entlang und sprach über ihre Politik. Ueli Maurer (SVP) nahm die Medien mit zum Schlitteln in Adelboden.
Albert Rösti hat sich jährlich etwas Neues einfallen lassen. 2024 lud er in seine Heimat Kandersteg und an den Oeschinensee, wo er zeigte, was ihn in seinem Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation beschäftigt: eine gewonnene Abstimmung über das Energiegesetz, eine damals bevorstehende über den Autobahnausbau. Im vergangenen Sommer sprach Rösti beim Wandern auf dem Moléson über die verlorene Abstimmung zum Autobahnausbau. Und über den geplanten Gegenvorschlag zur «Blackout-Initiative», die das AKW-Neubauverbot stoppen wollte.
Jetzt, ein Jahr später, hat das Parlament diesen Gegenvorschlag soeben angenommen – ein Erfolg für Rösti. Die Initianten haben ihre Initiative zurückgezogen, weil der Gegenvorschlag das Kernanliegen erfüllt: Es könnten in der Schweiz wieder Kernkraftwerke gebaut werden. Links-grüne Kreise haben das Referendum ergriffen, deshalb kommt die Vorlage vors Volk.
Röstis dritter Sommerausflug führt nach Luzern ins Verkehrshaus. Man reist morgens mit dem Zug an: 36 Milliarden Franken sollen nach dem Willen Röstis in den nächsten zwanzig Jahren in den Bahnverkehr investiert werden. Man steigt am Bahnhof Luzern aus: Aus dem heutigen Kopfbahnhof soll für 5 Milliarden Franken ein Durchgangsbahnhof entstehen.
Vor dem Bahnhof sagt eine Klimaaktivistin, die Hitzewelle der letzten Wochen habe in Europa Tausende Menschenleben gekostet. «Wir können keinen Bundesrat gebrauchen, der fossile Energie promotet.» Rösti sagt später vor den Journalisten, er hätte den Protestierenden gerne erklärt, dass er die Aufhebung des AKW-Neubauverbots auch als Mittel gegen die CO2-Belastung sehe. Und dass in den kommenden Jahren viel mehr Geld für den Ausbau der Schienen als für den der Strassen vorgesehen sei.
Milliarden fürs Verkehrsnetz
Doch für Dialog sind die Aktivisten nicht gekommen. Sie flankieren Rösti auf dem ganzen Weg vom Bahnhof zum Verkehrshaus mit Parolen, Pfeifen und Konfetti. Polizisten riegeln schliesslich den Eingang des Verkehrshauses ab und lassen nur herein, wer einen Presseausweis zeigen kann. Es gibt ein Gedränge, während der Himmel über dem Vierwaldstättersee immer schwärzer wird. Es donnert. Dann kommt der Regen. Den Einlass geschafft, rennt die Reisegruppe Rösti in einen Tunnel, der auf dem Gelände des Verkehrshauses steht. Trotz dem Regen, der auf den Beton prasselt, sind die Trillerpfeifen aus der Ferne noch zu hören.
In der «Halle Schienenverkehr» kann Albert Rösti, vor einem Zug stehend, in Ruhe seine erste Rede halten. Die zweite folgt beim Mittagessen. Er erzählt, was ihm in der nächsten Zeit politisch wichtig ist. Rösti hofft, dass das Parlament den Kredit für Reservekraftwerke über 2,3 Milliarden Franken bewilligt. Mit dem Gesetz für neue Technologien zur Züchtung von Pflanzen will er Pestizide in der Landwirtschaft reduzieren. Sein Mammutprojekt aber ist «Verkehr 2045», mit dem er bis 2045 das Bahn- und Strassenverkehrsnetz für 56,5 Milliarden Franken ausbauen will.
Im Inneren des Verkehrshauses sind die Leute dem Bundesrat besser gesinnt als draussen. Zahlreiche Jugendliche stehen Schlange für ein Selfie mit Albert Rösti.