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Pubblicato il 3 luglio 2026

Verkehr ’45: «Zürich wäre gut beraten, nicht auf andere Kantone zu schielen»

Bundesrat Albert Rösti weist die Kritik des Zürcher Regierungsrats an seinen Verkehrsplänen zurück im Interview mit dem Tages-Anzeiger zürich. Er verteidigt die Streichungen und erklärt, warum selbst mehr Geld nichts nützen würde.

Tages-Anzeiger, 03.07.2026

Interview von Michel Wenzler und Till Hirsekorn

Die Kritik liess nicht lange auf sich warten: Als der Bundesrat vor knapp zwei Wochen bekannt gab, welche Verkehrsprojekte er bis 2045 priorisieren und welche Ausbauschritte er streichen will, reagierte der Zürcher Regierungsrat umgehend. Er zeigte sich erzürnt darüber, dass mehrere Zürcher Projekte auf Schiene und Strasse nicht umgesetzt werden. Auch die Stadt Winterthur, die besonders betroffen ist, spricht von einem «fatalen» Entscheid.

Inmitten dieser Misstöne hat sich Bundesrat Albert Rösti (SVP) diesen Donnerstag an den offiziellen Startschuss für den Ausbau der Bahnstrecke zwischen Winterthur nach Zürich begeben. Im Interview mit dieser Redaktion nimmt er Stellung zur Kritik aus Zürich.

Herr Rösti, Sie sind zum Spatenstich für den Ausbau der Bahnlinie Zürich–Winterthur angereist. Die Kritik an Ihren Plänen für Grossprojekte bis 2045 fiel im Kanton Zürich allerdings heftig aus. Getrauen Sie sich überhaupt noch hierher?

Allerdings, und ich stehe sehr aufrecht hier! Denn Zürich ist und bleibt für den Bundesrat der wichtigste Kanton bei Investitionen in die Infrastruktur. Als bevölkerungsreichster und wirtschaftsstärkster Kanton stösst Zürich bezüglich Mobilität an Grenzen, das ist uns völlig bewusst. Deshalb haben wir trotz der engen Bundesfinanzen das grösste und umfangreichste Projektpaket für Zürich geschnürt. Bei anderen Kantonen mussten wir mehr Projekte streichen.

Trotzdem: Der Regierungsrat spricht von «unsinnigen Fehlentscheiden». Statt mehr Ausbau in Zürich würden touristische Projekte wie der Grimseltunnel priorisiert. Verstehen Sie die Kritik?

Nein. Der Kanton Zürich wäre gut beraten, den Blick darauf zu richten, was er trotz der schwierigen Ausgangslage bekommt, statt auf andere Kantone zu schielen. Aber leider mussten wir beim ursprünglich geplanten Ausbau nochmals über die Bücher. Denn wenn wir alles wie ursprünglich geplant durchgezogen hätten, wären wir gesamtschweizerisch auf Mehrkosten von 14 Milliarden Franken gekommen. Das wäre schlicht nicht finanzierbar gewesen. Wir mussten die vorliegenden Anliegen der Kantone von über 60 auf realistisch finanzier- und baubare 36 Milliarden herunterfahren. Und trotzdem – das muss man in Zürich schon hören – investieren wir im Kanton Zürich mit dem laufenden und dem künftigen Programm «Verkehr 45» geplant 9 Milliarden Franken. Das ist ein Viertel des Gesamtpakets für knapp ein Fünftel der Schweizer Bevölkerung.

Zürich zahlt auch sehr viel Geld in den Bahninfrastrukturfonds ein. Entsprechend sollte auch wieder viel in den Kanton zurückfliessen.

Der Kanton Zürich erhält, wie gesagt, sehr viel. Neben dem Projekt Mehrspur zwischen Zürich und Winterthur für 3,3 Milliarden Franken bekommt er den Zimmerberg-Basistunnel. Hinzu kommen der Ausbau des Bahnhofs Stadelhofen und diverse Doppelspurabschnitte. Wenn ausgerechnet der Kanton, der am meisten profitiert, die Projekte der anderen kritisiert, ist das schwer nachvollziehbar. 90 Prozent aller Projekte aus dem Kanton Zürich werden im Programm «Verkehr 45» berücksichtigt.

Und doch: Der Raum Zürich wächst. Reichen diese Projekte für einen gut funktionierenden ÖV? Müsste der Bund nicht mehr Geld für den Ausbau in die Hand nehmen?

Mehr Geld würde aktuell gar nichts nützen. Es geht nicht nur um die Finanzen. Auch die Baukapazitäten sind begrenzt. Wir haben im Land schlicht nicht genug grosse Baufirmen, die so viele Grossprojekte stemmen könnten. Die SBB bauen schon heute auf rund 4000 Baustellen gleichzeitig.

Sie betonen, dass der Kanton Zürich viel bekomme. Für die Stadt Winterthur ist und bleibt die Situation aber bitter.

Wegen Grüze-Nord?

Genau, weil sie gleich dreifach leer ausging: beim Spurausbau der A1 und beim Bahnhof Oberwinterthur. Und eben bei der neuen Haltestelle Grüze-Nord, wo die Stadt für 35 Millionen Franken ihre neue Verkehrsdrehscheibe ausbauen könnte. Was haben Sie gegen Winterthur?

Natürlich nichts. Aber gerade die Haltestelle Grüze-Nord ist keine Frage des Geldes, sondern ein konzeptionelles Problem. Ein Regionalbahnhof mitten auf einer Hauptachse reduziert die Kapazität zwischen Hauptbahnhöfen. Das ist eine der zentralen Erkenntnisse der ETH-Studie.

Also war Grüze-Nord aus Ihrer Sicht von Anfang an eine Fehlplanung der städtischen und kantonalen Behörden?

Regional mag das Projekt für ein Quartier sinnvoll sein. Aber es ist nicht einfach in die nationale Strategie der Kapazitätserweiterung auf Hauptstrecken einzufügen.

Der Winterthurer Stadtpräsident Stefan Fritschi (FDP) hat Sie beim Spatenstich nochmals an Grüze-Nord erinnert. So wie es jetzt tönt, ist das Projekt aber definitiv chancenlos.

Es ist legitim, ja die Pflicht eines Stadtpräsidenten, die Interessen seiner Region zu vertreten, und zwar deutlich. Wir nehmen diese Anliegen ernst. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Die Vernehmlassung läuft. Und die Zürcher Bundesparlamentarier werden im National- und im Ständerat sicher versuchen, Allianzen mit anderen Regionen zu schmieden, um Korrekturen einzubringen. Am Schluss entscheidet das Parlament und nicht der Bundesrat allein.

Der Ausbau des ÖV leistet auch einen Beitrag im Kampf gegen die Klimaerwärmung. Gerade die letzten Wochen haben gezeigt: Die Schweiz leidet immer wieder unter starken Hitzewellen. Wie sehr sind Sie als Umweltminister darüber besorgt?

Natürlich wird einem da bewusst, dass die Prognosen bezüglich der Klimaveränderung eintreffen. Das bedeutet aber nicht, dass wir jetzt in Aktivismus verfallen müssen. Wir arbeiten aktuell intensiv am Aktionsplan zur Anpassung an den Klimawandel. Da geht es darum, Städte und Dörfer baulich zu beraten: weniger Beton, mehr Grün und eine kluge städtebauliche Planung.

Was verstehen Sie denn unter Aktivismus?

Zum Beispiel, wenn man meint, man müsste den Leuten vorschreiben, was sie essen sollen und wohin sie in die Ferien verreisen dürfen. Wir dürfen nicht vergessen: Das Klima kann höchstens beeinflusst werden, wenn die ganze Weltgemeinschaft Massnahmen zur Dekarbonisierung umsetzt. Solange dies nicht oder nicht vollständig geschieht, sind eben Massnahmen zur Anpassung ans Klima sehr wichtig.