«Die Presse leistet einen wichtigen Beitrag zum Zusammenhalt der Schweiz»

Walliser Bote, 28. August 2015

Frau Bundesrätin, welche Anforderungen stellen Sie als Leserin an eine Tageszeitung?

Bei einer Lokalzeitung erwarte ich spannende Geschichten aus der Region, die ansprechend geschrieben und sauber recherchiert sind. Eine Zeitung soll informieren und unterhalten - und sie darf durchaus auch überraschen. Blätter, die diese Kriterien erfüllen, werden auch gelesen. Unerlässlich sind zudem Glaubwürdigkeit und Transparenz. So entsteht Vertrauen, die wichtigste Währung bei den Medien.

Unterscheiden sich diese Anforderungen von den Erwartungen der Medienministerin?

Nein, die Anforderungen sind dieselben. Als vierte Gewalt im Staat sollen die Medien Vorgänge in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft kritisch begleiten. Zu ihren Aufgaben zähle ich aber ebenso die Pflege der politischen Debatte, der Analyse und der Meinungsvielfalt. Denn unsere direkte Demokratie braucht auf nationaler, kantonaler und Gemeindeebene aufgeklärte und umfassend informierte Bürgerinnen und Bürger. Daher erwarte ich eine breite, unvoreingenommene Darlegung etwa von Vorlagen, damit die freie Meinungsbildung ermöglicht wird. Das müssen die Redaktionen nicht immer zwingend mit eigenen Ressourcen leisten. Die Nachrichtenagentur SDA bereitet Informationen flächendeckend auf und erfüllt damit eine Aufgabe im Sinne des Service public.

Was ist die typische Rolle einer Lokalzeitung?

Auch im Zeitalter von Internet und Social Media bleibt es ihre Kernaufgabe, den Leserinnen und Lesern die wichtigsten Informationen aus der Region zu vermitteln. Gefragt ist ein breiter Mix an Beiträgen zu Politik, Kultur, Sport, Wirtschaft, Gesellschaft. Zudem müssten Lokalzeitungen wichtige Themen der nationalen Politik aufgreifen und ihre Bedeutung und Auswirkungen auf lokaler Ebene aufzeigen.

Wie positionieren Sie die Printmedien im Internet-Zeitalter?

Die technologische Entwicklung sowie die Umverteilung gewisser Werbegelder fordern die Printmedien heraus. In dieser Umbruchphase zu hadern, ist sinnlos. Das Rad lässt sich nicht zurückdrehen. Um einen Online-Auftritt kommt heute niemand mehr herum - das gilt für eine Gemeinde ebenso wie für eine Zeitung. Ob das eine oder andere Blatt dereinst ganz auf seine gedruckte Ausgabe verzichtet, wird sich weisen. Die Online-Medien informieren zwar praktisch in Echtzeit. Aber ihr Inhalt ist flüchtig. Damit eröffnet sich für die gedruckte Zeitung die Chance, Informationen zu vertiefen, einzuordnen und zu kommentieren. Eine fordernde und gleichzeitig eine der vornehmsten Aufgaben für Medienschaffende. Wir brauchen in unserer schnelllebigen Zeit Orientierung!

Was ist für Sie journalistische Qualität?

Professionalität - also das Einhalten journalistischer Standards. Korrekte Fakten in einem korrekten Kontext darzustellen, steht an erster Stelle. Wird zudem ein Sachverhalt so anschaulich vermittelt, dass uns ein Text oder ein TV- oder Radiobeitrag bereichert, ist dies auch ein Qualitätsmerkmal - selbst wenn man mit dem Inhalt nicht vollends einverstanden ist.

Ist diese Qualität in der Schweiz gegeben?

Insgesamt gewiss. Aber die Qualität ist nicht einfach gegeben, sondern muss immer wieder neu erschaffen werden. Der Kostendruck führt bei manchen Verlegern zu einer Reduktion der Anzahl Journalisten. Das kann ein Risiko sein, weil wenige dann immer mehr Themen abdecken müssen - und dies unter Zeitdruck. Daher nochmals: Qualitativ hochstehende Medien sind ein elementarer Pfeiler in unserem föderalistischen System, in unserer direkten Demokratie. So gesehen leistet die Presse einen wichtigen Beitrag zum Zusammenhalt der Schweiz.

Die Politik kümmert sich um Wohlergehen und Fortschritt eines Landes und dessen Bevölkerung. Was können Zeitungen dazu beitragen?

Es gehört wohl nicht zu den vordringlichsten Aufgaben einer Zeitung, das Wohlergehen seiner Leserinnen und Leser zu fördern. Qualitätszeitungen können aber dazu beitragen, dass wir die Welt, die Schweiz, eine Debatte besser verstehen oder durch die Lektüre sogar imstande sind, selber Ideen zu kreieren und uns zu engagieren. Umgekehrt kann eine Zeitung durch unsaubere Recherche, falsche Darstellung oder das Schüren von Emotionen Personen verletzen, diffamieren und Empörung schaffen.

Wieviel Nähe/Distanz ist zwischen den Entscheidungsträgern und den Informationsvermittlern dienlich?

Eine gewisse Distanz zwischen Medienschaffenden und Entscheidungsträgern ist nötig. Tatsache ist aber auch: Gerade in einem überschaubaren Land wie der Schweiz gibt es viele Berührungspunkte. Das sollte die unabhängige Berichterstattung nicht beeinträchtigen.

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