Den Mut haben, «Nein» zu sagen

Botschaft von Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust

Auschwitz-Birkenau ist zum Symbol geworden für die vom nationalsozialistischen Deutschland entfesselte Vernichtungspolitik. Über eine Million Frauen, Männer und Kinder starben an diesem Ort. Der antisemitische Rassenwahn der Nazis kannte keine Grenzen. Als die sowjetische Armee das Lager am 27. Januar 1945 befreite, gab es nur wenige Überlebende. Und wer dem Tod entrinnen konnte, war von Hunger und Gewalt gezeichnet. Die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau mit den Ruinen der Gaskammern erinnert an diese unermesslich schlimme Zeit.

Dieses Jahr, 75 Jahre nach der Befreiung der Lager, gedenken wir den Millionen jüdischen Opfern und Überlebenden des Holocaust. Wir erinnern uns auch an die Sinti, Roma und Jenischen und an alle anderen, die unter dem Nationalsozialismus litten und der menschenverachtenden Politik zum Opfer fielen. Auch Schweizerinnen und Schweizer wurden in Konzentrationslagern inhaftiert, fast die Hälfte unter ihnen fand dort den Tod. Ich möchte darum heute auch an sie erinnern, meine Gedanken sind ebenso bei den Schweizer Überlebenden, die nach dem Krieg zu oft abweisend und kaltherzig behandelt wurden.

Nachrichten über den Genozid an den Juden wurden schon in den Kriegsjahren bekannt. Doch es erhoben sich nur wenige Stimmen gegen diesen Völkermord – und die wenigen, die es gab, wurden oft nicht gehört oder für unglaubwürdig erklärt. «Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt», heisst es in der jüdisch-religiösen Tradition. Wie viele Menschenleben hätten gerettet werden können, wenn damals in Europa mehr Männer und Frauen «Nein» gesagt hätten zu Antisemitismus und Rassismus?

Ich hoffe, dass wir in unseren freiheitlichen Demokratien ähnliche Verbrechen für immer verhindern können. Dass wir Unrechtsregimes mit Mut und Zivilcourage die Stirn bieten. Die Fehler der Vergangenheit können wir nicht rückgängig machen. Wir können aber daraus lernen, mit offenen Augen und kritischem Blick. Meine heutige Reise an die Gedenkzeremonie in Auschwitz-Birkenau mache ich in Begleitung von Überlebenden und zwei Studierenden. Weil es mir wichtig ist, die Erinnerung wachzuhalten. Die Schweiz unterstützt deshalb auch die dauerhafte Erhaltung der Gedenkstätte in Auschwitz-Birkenau. Es freut mich, dass sich in allen Generationen Menschen gegen das Vergessen engagieren. Für alle Opfer des Holocaust wollen wir ein Zeichen setzen.

Die Menschenwürde ist ein kostbares, verletzliches Gut. Sie muss geschützt werden, auch vor staatlicher Gewalt. Jeder Mensch ist einzigartig. Zivilcourage bedeutet «Nein» zu sagen, wenn Unrecht zur Staatsdoktrin wird. Diese Verpflichtung sind wir den Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung schuldig – aber auch uns selbst, um uns allen eine lebenswerte Zukunft zu sichern.

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