Grundsätze der Umweltpolitik: «Samba für eine bessere Welt»

SonntagsBlick, 10. Juni 2012

Frau Umweltministerin, ihr Vorgänger ass wegen der Umwelt kein Fleisch

...... ich esse gerne ein gutes Stück Fleisch ...

... wie verkleinern Sie denn Ihren ökologischen Fussabdruck?

Indem ich meine Ferien in der Schweiz verbringe. Ich esse saisonale und regionale Ware. Es ist ein Unsinn, Lebensmittel auf dem Luftweg zu transportieren.

Welches Mitglied des Bundesrats lebt besonders grün?

Wir alle verhalten uns rücksichtsvoll, fahren Zug und reisen nur, wenn es nötig ist.

Aber jetzt fliegen zwei Bundesrätinnen an den Umweltgipfel in Rio, zusammen mit 60000 Teilnehmern. Ist das nötig?

Um zu reden, muss man sich manchmal auch treffen. Videokonferenzen reichen nicht immer aus. Die Grösse solcher Konferenzen kann man immer hinterfragen. Allerdings ist eine solche Konferenz ungeachtet des konkreten Verhandlungsresultats nützlich: Die Nachhaltigkeit wird wieder zum Thema. An den Nebenveranstaltungen werden gute Beispiele der nachhaltigen Entwicklung zugänglich gemacht. Ein solcher Informationsaustausch ist zentral.

Was kann Rio bewirken?

Der Gipfel selbst ist von beschränkter Wirkung. Wichtiger sind die Vor- und die Nachbereitung. Leider werden in Rio viele Staatschefs nur für ihre nationalen Interessen kämpfen. Um die Umwelt zu schützen, müssen wir aber weltumspannend handeln.

Zehn Tage vor Konferenzbeginn fürchten viele, Rio scheitere. Wann ist es für Sie ein Erfolg?

Wenn wir dem Konzept der Nachhaltigkeit neues Leben einhauchen und international anerkannte Nachhaltigkeitsziele Auftrieb erhalten. Noch besser wäre es, die Gremien zu stärken, die sich mit der nachhaltigen Entwicklung beschäftigen. Sehr zufrieden wäre ich, wenn eine verbindliche Roadmap zum Beschluss von Nachhaltigkeitszielen verabschiedet würde - also ein präziser Fahrplan darüber, was wann und wie zu tun sei.

Woran krankt die Umwelt?

Global gesehen sind wir weit davon entfernt, die Klimaziele zu erreichen. Je länger wir reden statt zu handeln, desto grösser wird die Wahrscheinlichkeit, dass wir diese Ziele ganz verfehlen. Gleichzeitig sterben Tier- und Pflanzenarten aus. Weltweit bleibt der Energiehunger enorm. Wir verschwenden Ressourcen, die den nächsten Generationen fehlen werden.

Wo besteht die grösste Dringlichkeit?

Beim Klimaschutz. Das Schadenspotenzial bei Dürren und Überschwemmungen ist enorm. Weltweit wird Wasser rarer und teurer.

Sie zeichnen ein düsteres Bild. Wie beurteilen Sie die Erfolgschancen von Rio?

Würden sich nur Umweltminister treffen, gäbe es rasch einen Konsens. Angesichts der weltweiten Wirtschaftskrise besteht die He­rausforderung darin, die Finanz- und Wirtschaftsminister zu überzeugen, dass die Anliegen von Rio für die ökonomische Entwicklung unabdingbar sind.

Wir können uns den Umweltschutz nicht mehr leisten?

Wir müssen ihn uns leisten. Es besteht die grosse Gefahr, dass in der momentan schwierigen Situation die Prioritäten falsch gesetzt werden. Zwar wird uns die Finanzkrise vermutlich noch arge Bauchschmerzen bereiten, aber sie geht irgendwann vorbei. Verbrauchen wir jedoch die natürlichen Ressourcen weiterhin so rücksichtslos wie heute, werden die Schäden enorm und unumkehrbar sein.

Das wollen jene nicht hören, die keine Arbeit haben.

Die Wirtschaft ist nach einer Krise in der Regel in ein paar Jahren wieder auf Kurs. Sind aber die Ressourcen weg, ist der Boden verseucht, so ist das für immer. Wir schulden es kommenden Generationen, uns um die Umwelt zu kümmern.

Bevor man sich um die Umwelt kümmert, muss man essen und ein Dach über dem Kopf haben.

Geht die Armutsbekämpfung zulasten der Umwelt, fällt ein Land rasch in die Armut zurück. Wer Böden ausbeutet, kann weniger Nahrung produzieren. Die Wirtschaft soll wachsen, die natürlichen Ressourcen aber nicht übernutzen.

Armut bekämpfen und Umwelt schützen sind Zielkonflikte. Wer reich wird, braucht mehr Ressourcen.

Dass ein junger Inder - wie Jugendliche bei uns - eine Wohnung, einen Fernseher und sogar ein Auto will, ist legitim und muss aus Nachhaltigkeitssicht kein Problem sein.

Fahren alle Inder Auto, kollabiert das Klima.

Nicht, wenn den Autos drei Liter Benzin reichen, ihre neuen Fabriken weniger CO2 ausstossen, sie den Abfall in modernen Anlagen verbrennen statt zu vergraben und sogar Energie daraus gewinnen. Dann sind Nachhaltigkeit und Entwicklung gleichzeitig möglich.

Es gibt kaum Beispiele, wo beides funk­tioniert.

Schauen Sie sich doch um. Die Schweiz hat viel erreicht. Wir sind gewachsen, haben Wohlstand. Wir haben die Gesellschaft und die Wirtschaft auf ­einen Weg gebracht, wo Ökologie und Ökonomie versöhnt sind.

Während Rio 1 waren Sie eine junge Anwältin. Welche Bedeutung hatte die Umwelt für Sie im Jahr 1992?

Sie war für mich kaum ein Thema. Ich durfte in einer intakten Natur aufwachsen. Wir sammelten Alu und Glas. Dass nachhaltiges Wirtschaften eine politische Haltung sein könnte, daran dachten wir kaum.

Heute sind Sie Umweltministerin. Wie kam der Wandel?

Als Aargauerin habe ich Überschwemmungen im Reusstal erlebt. Den sich verschlechternden Zustand der Welt habe ich auf vielen Reisen gesehen. Es ist Aufgabe der Politik, rechtzeitig zu handeln. Wir können nicht warten und glauben, alles regle sich von selbst.

Wie beurteilen Sie die Situa­tion in der Schweiz?

Wir können auf das Erreichte stolz sein. Es besteht ein Konsens, der Umwelt Sorge zu tragen, nicht alles zu verbauen. Wir Schweizer wollen der Natur Platz lassen. Davon zeugte zuletzt wohl auch die Annahme der Zweitwohnungsinitiative.

Kein Land braucht mehr Ressourcen als die USA. Barack Obama zog als umweltfreundlicher Präsident ins Weisse Haus ein. Ist er das?

Er konnte die hohen Erwartungen leider nicht erfüllen. Aber man muss realistisch sein. Ein US-Präsident muss Umweltpolitik gegen den Widerstand der Auto- und Petrochemieindustrie betreiben.

Die erste Umweltkonferenz fand 1972 in Stockholm statt, 1992 folgte Rio. Seither haben wir mehr CO2-Ausstoss, die Regenwälder haben sich verkleinert, viele Tierarten sind ausgestorben. Viel bringen solche Konferenzen nicht.

In der Schweiz ist der CO2-Ausstoss pro Kopf zurückgegangen. Zudem konnten wir die Schadstoffe in der Umwelt reduzieren, obwohl die Wirtschaft und die Bevölkerung gewachsen sind.

Es hat weniger Quecksilber im Boden. Eine ernüchternde Bilanz für 40 Jahre internationale Umweltpolitik.

Der Gesamtzustand ist nicht besser geworden, das stimmt. Er hat sich in vielen Bereichen sogar verschlechtert.

Warum?

Die Uno hat die Bekämpfung der Armut ins Zentrum ihrer Arbeit gestellt und dabei anderen wichtigen Faktoren weniger Priorität eingeräumt. Das müssen wir korrigieren. Jetzt findet ein Umdenken statt.

Im Zentrum von Rio steht die «grüne Wirtschaft». Was verstehen Sie darunter?

Es geht stets um das Gleiche - um Ressourcen-Effizienz. Wir müssen mit den natürlichen Ressourcen - dazu gehören Rohstoffe ebenso wie Wasser, Luft und Biodiversität - haushälterisch umgehen. Eine grüne Wirtschaft wächst und entwickelt sich, sie schont aber die natürlichen Ressourcen.

Wie ist das in der freien Marktwirtschaft besser zu erreichen - mit staatlichen Anreizen oder Ge- und Verboten?

Mir sind Anreize lieber. Der Staat macht Vorgaben - und die Wirtschaft braucht genügend Zeit, sich anzupassen.

Oft dominiert bei Umweltdebatten die Ideologie. Es wäre etwa effizienter, gentechnisch verändert Lebensmittel zu essen als biologische.

Dies wäre dann richtig, wenn die Risiken der Gentechnik ausgeschlossen werden könnten. Bis heute kann niemand eine sichere Koexistenz von genetisch veränderten und unveränderten Organismen garantieren.

Bewiesen sind die Risiken nicht. Erwiesen ist, dass Gentech auf gleicher Fläche mehr Menschen ernährt als Bio und somit umweltfreundlicher ist.

Gentechnologie kann die Produktion von Nahrungsmitteln nur unterstützen, wenn sichergestellt ist, dass die Technologie ungefährlich ist.

Besonders ideologisch ist der Ausstieg aus der Atomenergie. Letztlich ist es ein Ausstieg aus dem Kampf gegen den Klimawandel.

Ganz im Gegenteil: Wir wollen mit den neuen Eckwerten an den Klimazielen der Schweiz festhalten und fossile Energien abbauen. Daher wollen wir den Energieverbrauch mit mehr Effizienz reduzieren und erneuerbare Energiequellen stärker als bisher fördern.

Wer sich um Erderwärmung sorgt, ist gegen den Atomausstieg.

Bei unserem Entscheid ging es nicht um Pro oder Kontra Klimapolitik, sondern vor allem um eine Risiko- und um eine Kostenbeurteilung.

Die der Umwelt schadet.

Keineswegs. Wir werden es schaffen, die Versorgungssicherheit mit risikoärmerer Produk­tion, durch erneuerbare Energie, durch Sparen und Effizienzsteigerung zu gewährleisten. Wir erreichen mehr für die Umwelt, wenn wir den Bedarf an Treibstoffen und Heizöl reduzieren.

Nach Fukushima sahen insbesondere bürgerliche Politiker eine politische Opportunität - zulasten der Umwelt.

Wir haben stets betont, dass wir die Klimavorgaben im CO2-Gesetz weiterführen.

Die Schweiz wirkt oft wie der Musterknabe, dem keiner folgt.

Wir nehmen bei internationalen Verhandlungen immer eine harte Haltung ein. Wir unterbreiten Angebote, die wir gut finden. Wir verpflichten uns aber nur, wenn die anderen mitmachen. Alle müssen Verantwortung übernehmen.

Wir alle wollen die Erde retten. Schaffen wir es?

Ja, wegen der Jungen. Viele sind sensibler, als wir es waren.

Sie waren nicht sensibel?

Ich bin in der Konsumgesellschaft gross geworden, wir wollten viel erreichen, hatten Wohlstand. Der Zustand unserer Welt ist heute leider anders, schlechter. Die jungen Menschen von heute sind aber aufmerksamer. Sie leben zwar städtisch - doch sie sorgen sich um die Zukunft. Das Auto ist für viele kein Statussymbol mehr. Das stimmt optimistisch.

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