Energie und Klima: «Die Folgen der Erderwärmung sind im Wallis besonders deutlich zu spüren»

Vor ihrer Festrede zum Nationalfeiertag in Saas-Balen am 31. Juli spricht Energieministerin Simonetta Sommaruga in einem Interview mit dem Walliser Boten über die Schlüsselrolle des Wallis in der Energie-Versorgungssicherheit und die Klimapolitik der Schweiz.

Walliser Bote (30.07.2022)
Interview: Patrick Gasser


Frau Bundesrätin, Sie sind als Festrednerin in Saas-Balen. Was verbindet Sie persönlich mit dem Saastal?

Natürlich war ich auch schon im autofreien Saas Fee in den Ferien, habe vor langer Zeit einmal im «Fletschhorn» bei Irma Dütsch gespiesen, habe Pirmin Zurbriggen den Daumen gedrückt. Was mich im Moment aber am meisten mit dem Saastal verbindet, sind meine zwei Oberwalliser Mitarbeiterinnen, die mir vom Saastal geschwärmt haben, von den weltbesten Hauswürsten, dem Roggenbrot, vom «Gmeiwärch», von den Gletschern - und die halbe Schweiz profitiert vom Strom aus dem Saastal.

Hinten im Tal staut ein Erddamm den Mattmarksee. Rund 652 Millionen Kilowattstunden Strom werden hier im Durchschnitt pro Jahr produziert. Welches Potenzial sehen Sie für die Wasserkraft in Zukunft?

Ohne Wasserkraft ginge in der Schweiz gar nichts! Die Wasserkraft ist das Rückgrat der Schweizer Stromversorgung. Gut 60 Prozent des Stroms erzeugen wir mit Wasser, und der grösste Teil davon stammt wiederum aus dem Wallis. Die Walliser Stauseen sind ein riesiges Energie-Reservoir. Es liefert Strom für zwei Millionen Haushalte. Das ist die Hälfte aller Schweizer Wohnungen und Privathäuser. Das Wallis ist also zentral für die Versorgungssicherheit des ganzen Landes! Das ist eindrücklich und dafür bin ich dem Kanton und seiner Bevölkerung sehr dankbar. In Zukunft setzen wir noch stärker auf die Wasserkraft. Bis 2050 wollen wir zusätzlich so viel Strom produzieren, wie der Kanton Wallis pro Jahr verbraucht. Einen wichtigen Schritt hierzu haben wir gemacht: Am Runden Tisch Wasserkraft, zu dem ich eingeladen habe, einigten sich die Kantone, die Wasserwirtschaft und die Umweltverbände auf 15 Ausbauprojekte, welche die Versorgungssicherheit vor allem im Winter erhöhen werden. Acht davon befinden sich im Wallis.

Eines dieser Projekte ist eine Staumauer im Vorfeld des Gornergletschers bei Zermatt. In welchem Zeitraum könnte dieses Projekt realisiert werden?

Der Ball liegt hier beim Kanton: Er ist zuständig für die Konzessions- und Bewilligungsverfahren. Wichtig ist, dass es nun überall rasch vorwärtsgeht. Wir wollen uns vom russischen Gas befreien und uns aus Klimaschutzgründen von den fossilen Energien verabschieden. Dafür braucht es konkrete Lösungen. Sie lassen sich finden, wenn alle Beteiligten zusammenarbeiten, frühzeitig miteinander sprechen - und dann auch über ihren Schatten springen und Kompromisse eingehen. Das haben wir am Runden Tisch vereinbart. Mit diesem Rezept entstand auch das Pumpspeicherkraftwerk Nant de Drance, das am 1. Juli in Betrieb ging. Es trägt dazu bei, das Stromnetz der Schweiz und Europas stabil zu halten. Das hilft Blackouts zu verhindern.

Stauseeprojekte sind immer auch mit Zielkonflikten verbunden. Manche Bauvorhaben verzögerten sich wegen Einsprachen um Jahre. Gleichzeitig droht der Schweiz schon im Winter ein Stromengpass. Hat man in der Schweiz den Ernst der Lage zu spät erkannt?

Für den nächsten Winter hat der Bundesrat wichtige Entscheide gefällt. Erstmals gibt es eine Wasserkraft-Reserve. Ausserdem hat der Bundesrat die Gasbranche verpflichtet, zusätzliches Gas und Gasspeicher zu kaufen. Und für die grossen Stromunternehmen gibt es einen Rettungsschirm. Aber die Energiekrise wird nach dem nächsten Winter nicht vorbei sein. Deshalb ist es zwingend, dass wir die einheimischen Energien rasch und entschlossen ausbauen. Unser Land hat sich viel zu lange auf die Importe von Öl und Gas verlassen. Mit dem Krieg in Europa sehen wir, wie verletzlich uns das macht. Jetzt ist Tempo angesagt. Dazu dient auch das Gesetz, das ich vorschlage, mit dem wir die Verfahren für neue Wasser-, Wind- und Solaranlagen vereinfachen und beschleunigen. Die Konflikte zwischen Nutzen und Schutz muss man frühzeitig angehen. Gerade mit Ausgleichsmassnahmen hat man immer wieder gute Lösungen gefunden.

Auch das Wassermanagement muss in der Schweiz grundsätzlich überdacht werden. In den meisten Kantonen fehlen gemeindeübergreifende Daten zum Wasserverbrauch. Über welche Strategie soll die regionale Zusammenarbeit beim Wassermanagement gefördert werden?

Mein Departement ist daran, die Datengrundlage zu verbessern. Wir tun dies zusammen mit den Kantonen, denn sie haben die Hoheit und damit auch die Verantwortung über das Wasser. Der Bund unterstützt die Kantone mit Fachwissen. Die derzeitige Trockenheit zeigt, wie kostbar Wasser ist. Wir müssen dem Wasser Sorge tragen. Es ist zentral für unser Leben, für die Wirtschaft, für die Bäuerinnen und Bauern.

Welche Rolle nimmt ein wasserreicher Kanton wie das Wallis dabei ein?

Der Kanton Wallis hat eine Wasserstrategie erarbeitet, damit das Wasser in Zukunft noch stärker gesamtheitlich angeschaut wird. Schon mit den Suonen hat das Wallis gezeigt, dass es besonders sensibilisiert ist für einen sorgsamen und gerechten Umgang mit dieser Ressource.

In den höheren Lagen der Alpen hat sich gemäss dem Weltklimarat die Jahresdurchschnittstemperatur gegenüber der Zeit vor Beginn der Industrialisierung bereits um zwei Grad Celsius erhöht. Gleichzeitig plädieren Sie zusammen mit Amtkolleginnnen und -kollegen aus dem Ausland dafür, dass die globale Erderwärmung 1,5 Grad Celsius nicht überschreiten soll. Ist dies überhaupt noch möglich?

Es ist schon lange bekannt, dass aufgrund der Erderwärmung die Temperaturen in der Schweiz stärker steigen als im globalen Durchschnitt. Deshalb ist es auch im zentralen Interesse unseres Landes, dass die Treibhausgase gesenkt werden - und zwar überall, und dies deutlich und rasch. Handeln tut not. Dies hat das Wallis gerade diese Woche erlebt. Die Zermatter Bergbahnen haben den Sommerskibetrieb wegen der Hitze eingestellt. Auch die Saastal-Bergbahnen haben zwei der vier Schlepplifte auf dem Feegletscher geschlossen. Das zeigt: Es geht um die Natur, aber auch um Arbeitsplätze. Ich werde mich deshalb zusammen mit vielen weiteren Umweltministerinnen und -ministern aus der ganzen Welt an der nächsten UNOKlimakonferenz im Herbst vehement dafür einsetzen, dass wir am 1,5-Grad-Ziel festhalten.

Was braucht es, damit die Ziel erreicht werden können?

Es braucht eine Abkehr von den klimaschädlichen fossilen Energien wie Öl, Gas und Kohle. Dies gelingt, wenn wir in Zukunft Elektro- oder Wasserstoffautos fahren und beim Heizen auf umweltfreundliche Systeme setzen, etwa auf Wärmepumpen, die mit dem Solarstrom vom eigenen Dach funktionieren. Der Bundesrat wird diesen Umstieg mit dem neuen CO2-Gesetz unterstützen und vorantreiben.

Welche Rolle soll die Schweiz in der internationalen Klimapolitik einnehmen?

Die Schweiz gilt international als verlässliche Partnerin. Wir können oft zwischen den Blöcken vermitteln und breit abgestützte Verhandlungsergebnisse erzielen. Damit wir in dieser starken Position bleiben, müssen aber auch wir glaubwürdig sein und aufzeigen, dass wir auch in der Schweiz den Ausstoss an CO2 senken und im Jahr 2050 klimaneutral sind. Die Schweiz appelliert aber auch an die Grossen: Die G20- Staaten zusammen sind für 80 Prozent der Treibhausgase verantwortlich. Sie müssen vermehrt in die Pflicht genommen werden.

Die Schweiz ist ein kleines Land. Wo liegt der Anreiz, in der Klimapolitik international eine Vorreiterrolle einzunehmen?

Ein griffiger Klimaschutz ist in unserem eigenen Interesse. Die Erderwärmung schreitet schneller voran als dies die Wissenschaft vorausgesagt hat. Die Folgen erleben die Menschen im Wallis ganz direkt: Die Gletscher schmelzen, der Permafrost taut auf, Bergstürze häufen sich. Es geht um unsere Lebensgrundlagen! Aber die Schweiz ist stark darin, Lösungen für den Klimaschutz zu entwickeln. Davon habe ich mich bei vielen Firmenbesuchen im ganzen Land überzeugt. Klimafreundliche Technologien sind nicht nur gut für die Natur, sondern auch eine Chance für die Wirtschaft und damit für unsere Arbeitsplätze. Auf diese Innovationskraft dürfen wir stolz sein, und sie gibt Hoffnung für die Zukunft.

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