Grundsätze der Umweltpolitik: «Wir wollen nicht eine Glocke über die Schweiz legen»

Engadiner Post, 31. Juli 2014

Frau Leuthard, welche sind Ihre ersten, persönlichen Erinnerungen an den Schweizerischen Nationalpark?

Die stundenlangen Wanderungen als Kind! Wie viele andere auch, war ich davon damals nicht wirklich begeistert. Aber die Bergwelt im Nationalpark gehört zu den ersten Erinnerungen. Obwohl im Freiamt im Reusstal in der Natur aufgewachsen, waren die Berge für mich doch recht weit weg. Und dann selbstverständlich die Murmeltiere, das war für uns Kinder damals eine kleine Sensation, das kannten wir nicht.

Seit 2011 sind Sie als UVEK-Vorsteherin oberste Schirmherrin des Schweizerischen Nationalparks. Hat sich Ihre Sichtweise auf den Park seither geändert?

Ja, auf den Park wie auf die Pärkepolitik. Als Direktverantwortliche steht die Vielfalt des Nationalparks im Vordergrund und man behandelt die Dossiers und die Fragen intensiver. Was sind uns diese Pärke wert und wie sollen sie entwickelt werden? Zudem haben wir in der Schweiz in den letzten Jahren eine eigentliche Pärke-Politik aufgebaut. Zurzeit befassen wir uns intensiv mit der Biodiversitäts-Strategie. Gemäss dem internationalen Umweltabkommen, dem Nagoya-Protokoll, sollten wir 17 Prozent der Landesfläche als Schutzgebiete für die Biodiversität ausweisen können.

Eine Frage also von Quantität, aber auch Qualität?

Der Schweizerische Nationalpark hat einen einzigartigen Schutzstatus. Er ist vor menschlichen Eingriffen bestmöglich geschützt. Damit können natürliche Prozesse beobachtet und erforscht werden. Die neuen Nationalpärke, derzeit sind zwei in Errichtung, haben ebenfalls eine Kernzone, aber mit etwas weniger strengen Regeln. Dafür haben diese Nationalpärke wie die anderen Pärke von nationaler Bedeutung weitere Ziele, so die Stärkung der regionalen Wirtschaft oder die Umweltbildung. Zurück zur Frage der Wahrnehmung: Bei meinem letzten Besuch im Nationalparkzentrum ist mir auch aufgefallen, wie intensiv Wissenschaftler hier forschen. Aussenstehende haben oft das Gefühl, im Schweizerischen Nationalpark passiere wenig, ausser dass die Natur sich selber überlassen wird.

Die Gründung des Schweizerischen Nationalparks vor hundert Jahren war eine eigentliche Willensleistung in einer sehr schwierigen Zeit. Es war ein Manifest gegen die fortschreitende Zerstörung der Natur. Heute wäre dieses Thema ebenso aktuell. Trotzdem ist der Nationalpark in Zernez bis jetzt der einzige geblieben.

Neben dem Schweizerischen Nationalpark zählt die Schweiz heute 19 Pärke von nationaler Bedeutung. Sie dienen nebst den ökologischen auch regionalpolitischen Zielen. Damit können die Pärke zu Modellregionen werden und zeigen, wie die berechtigten Anliegen von Wirtschaft, Ökologie und Gesellschaft unter einen Hut gebracht werden können. Gerade die Diskussion um die Schutzgebiete für die Biodiversität zeigt, dass wir in der Schweiz vielfältige Ansprüche an die Nutzung der Flächen haben. Der Siedlungsdruck ist in den letzten Jahren gewachsen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Bauern reklamieren geschützte Flächen für sich, um Nahrungsmittel zu produzieren. Diese Konflikte haben zugenommen. Die Diskussion, wie stark der Mensch bereit ist, sich in den bestehenden Siedlungsräumen besser zu organisieren, sie quasi zu «verdichten», werden wir führen müssen.

Wenn ich Sie richtig verstehe, wird es in absehbarer Zukunft kaum einen zweiten Nationalpark geben, wie wir ihn heute kennen?

Der Schweizerische Nationalpark wird als solcher einzigartig bleiben. Aber es sind zwei neue Nationalpärke in Errichtung, der Nationalpark Adula und das Projekt des Nationalpark Locarnese. Für die Regionen und die Schweiz geht es dabei auch um die Frage, wie viel wirtschaftliche Entwicklung wir wollen und welche Landflächen das beansprucht und welchen Beitrag die Pärke dazu leisten können. Wir müssen uns gut überlegen, wo es noch qualitativ hochwertige Flächen gibt, die man unter Schutz stellen könnte.

Die Gesellschaft befindet sich immer auch im Spannungsfeld zwischen Schützen und Nützen. Hat sich das Gewicht in den letzten Jahren nicht eher in Richtung Nützen verschoben?

Es ist sicher so, dass während vielen Jahren Wachstum angesagt war und wir uns immer weiter ausgebreitet haben. Wenn man aber die letzten Abstimmungsresultate anschaut, sei es die Zweitwohnungsinitiative, das Raumplanungsgesetz oder auf kantonaler Ebene verschiedene Kulturlandschutzinitiativen, stelle ich eine Gegenbewegung fest. Das Bewusstsein in der Bevölkerung ist gewachsen, dass wir so nicht weiter machen können. Sonst betonieren wir unser Land zu. Für mich sind diese Abstimmungen ein Ausdruck davon, dass wir alle sensibler geworden sind für solche Fragestellungen.

Was bedeutet das?

Dass es nicht so einfach ist, Gegensteuer zu geben. Der Mensch als Individuum beansprucht Fläche, der Tourismus, die Wirtschaft, das Gewerbe... Jeder Eingriff in ein Objekt des Bundesinventars der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung wird zu einem riesigen Politikum in einer Region. Unser Departement muss sehr oft die Triage machen und versuchen, die divergierenden Schutz- und Nutzungsinteressen auszutarieren.

Haben Sie Verständnis dafür, wenn sich eine Region wie das Oberengadin, die zu den am besten geschützten der Schweiz gehört, die Frage stellt, wo überhaupt noch Entwicklung möglich ist?

Ja, diese Diskussionen führen wir in meinem Departement oft. Wir wollen nicht einfach eine Glocke über die ganze Schweiz legen und sagen, dass es Wachstum und Entwicklung nur noch in den urbanen Zentren gibt und die Berggebiete die Freizeitzentren der Schweiz sind. Das ist nicht die Vorstellung des Bundesrates. Mit der Regionalpolitik und den Möglichkeiten, die ein Kanton im Rahmen der Raumplanungspolitik aufzeigen muss, gibt es durchaus Entwicklungspotenziale...

...die aber durch den Landschaftsschutz stark eingeschränkt sind?

Das Oberengadin hat eine einmalige Landschaft, die lässt sich nicht einfach verpflanzen. Es muss eben gerade im Interesse des Tourismus sein, diese Schönheit zu erhalten anstatt überall noch ein Hotel zu bauen oder neue Wintersportanlagen. Wenn in solch sensiblen Landschaften gebaut wird, muss man sich immer auch fragen, wo man der Natur etwas zurückgeben und Eingriffe kompensieren kann.

Was ja im Oberengadin mit dem Bau der Hahnenseebahn und dem gleichzeitigen Rückbau der Lagalb geplant war...

...ja, das ist ein Beispiel. Darum verlangen wir von den Kantonen und den Regionen auch ein Tourismuskonzept. Wir möchten wissen, wo gewohnt wird, wo gearbeitet, wo die Aktivitäten stattfinden, und wo man die bestehende hohe Landschaftsqualität bewahrt. Ich denke, dass dieses Bewusstsein für eine etwas längere Betrachtungsperspektive auch bei den Gemeinden zugenommen hat.

Zurück zum Nationalpark. Dieser scheint bestes Beispiel dafür zu sein, wie Natur- und Umweltschutz im Kleinen funktionieren können. Im Grossen hingegen tut man sich schwer, Stichwort Klimakonferenzen ohne nachhaltige Ergebnisse. Was könnte die Welt vom Nationalpark lernen?

Ich habe eingangs die Forschung, die Wissenschaft erwähnt. Da gibt es aus den letzten hundert Jahren eine Vielzahl an wertvollen Forschungsergebnissen zu Tieren, Pflanzen und der Entwicklung von Lebensräumen. Zudem zeigt der Schweizerische Nationalpark, dass Naturschutz nicht nur kostet, sondern den Regionen auch ökonomisch etwas bringt, zum Beispiel als Arbeitgeber und Tourismusmagnet. Das sind wichtige Erkenntnisse, die wir gerade auch für unsere Biodiversitätsstrategie gebrauchen können. Seit beinahe dreissig Jahren hat zudem jeder Kanton ein Umweltschutzdepartement. Da ist sehr viel Kompetenz und Wissen vorhanden, und ich denke, dass die Schweiz diesbezüglich ein hohes Niveau erreicht hat.

Können Sie diese Botschaft als Schweizer Umweltministerin auch über die Grenzen hinaus platzieren, beispielsweise an den Klimakonferenzen?

Häufig sind die Norweger und die Schweizer in diesen Belangen einsame Spitze. Darauf sind wir auch stolz. Beim Gewässerschutz, bei der Waldpflege, beim Hochwasserschutz sind wir vorbildlich. Andere können da von uns lernen. Die CO2-Emissionen pro Kopf sind tief, aber wir sind zweifellos noch verbesserungswürdig. Es gibt auch immer wieder neue Herausforderungen zu meistern. Ich denke bei den Gewässern an die Mikroorganismen, eine Folge der Medikamente und der Kosmetika, die im Abwasser landen. Oder neue Käfer, die auftauchen oder Tiere, die ausgestorben sind und sich wieder niederlassen. Zuerst ist die Freude gross, dann gibt es Schäden und der Ruf nach Eingriffen und Regulierungen wird schnell laut.

Das 100-Jahr-Jubiläum bietet die grosse Chance, das Thema Naturschutz einer breiteren Öffentlichkeit ins Bewusstsein zu rufen. Welche Botschaft möchten Sie als Umweltministerin gerne vermitteln?

Ich habe den Eindruck, dass die Bevölkerung im ländlichen Raum das Gefühl hat, die Stadtgebiete würden ihnen befehlen, was sie zu tun und was zu lassen haben. Im Sinne von: Wir Bergler sind der Ballenberg der Schweiz und die anderen dürfen das Geld verdienen. Es wäre wichtig, dass da ein Einvernehmen gefunden wird. Den Leuten im Unterland soll bewusst sein, dass von den Berggebieten eine Leistung erbracht wird, die auch etwas kosten darf. Das muss diskutiert werden und es gilt, einen gesellschaftlichen Konsens zu finden.

Da wären wir wieder beim Theman Nützen und Schützen...

...ja, es ist eine Realität, dass der Umgang des Menschen mit den natürlichen Ressourcen eine permanente Auseinandersetzung braucht. Einfache Lösungen gibt es nicht. Das wäre eine weitere Botschaft. Denn die Möglichkeiten des Bundes sind begrenzt. Das Engadin als Beispiel ist primär selber dafür verantwortlich, wie es sich entwickeln soll. Die Rolle des Bundes sehe ich eher darin, Daten zu sammeln, den Spiegel vorzuhalten, zu begleiten und bei den konkreten Projekten kritisch hinzuschauen. Da kann und darf das wirtschaftliche Element nicht immer Priorität haben. Wir müssen im Triangel der Nachhaltigkeit entscheiden. Das ist nicht immer einfach.

Das Wort «unterstützen» hat gefehlt. Wie weit kann der Bund unterstützend wirken für Anliegen aus den Randregionen?

Das kommt darauf an, wie unterstützen gemeint ist. Wenn es um finanzielle Unterstützung geht, leistet der Bund Transferzahlungen an die Kantone, diese sind für den Vollzug der Gesetze verantwortlich und finanzieren damit konkrete Projekte in den Regionen und Gemeinden. Unterstützen können wir, wenn es um die Bewilligung von Projekten geht. Indem wir diese nicht zum Vornherein abwürgen, sondern nach Lösungen suchen, um den Interessen an einer hohen Landschaftsqualität, aber auch der wirtschaftlichen Entwicklung oder energetischen Nutzung möglichst gerecht zu werden.

Die ideelle Unterstützung besteht in dem Fall auch darin, dass Sie sich dafür einsetzen, dass sich dieser «Stadt-Land-Graben» nicht weiter öffnet?

Das werde ich ansprechen, ja. Mir ist aber die Leistung der Region in diesem Kontext schon auch sehr wichtig. Als ich noch das Landwirtschaftsdossier betreute, war es auch so, dass ein Teil des Einkommens über den Markt erzielt werden musste. Im Engadin wäre das der Tourismus. Und ein Teil sind Leistungen, die der Bund erbringt, im Interesse der Gesellschaft Schweiz. Dazu gehört sicher der Finanzausgleich, aber eben auch die finanzielle Unterstützung, sei es für Hochwasserschutz, Strassen, Wanderwege oder den Schweizerischen Nationalpark. Leistungen, die wir abgelten, weil sie am Markt nie realisiert werden könnten. Das ist ein Staatsverständnis, das zur Kohäsion der Schweiz gehört.

Sie sind Präsidentin des Patronatskomitees für die 100-Jahr-Feier. Was bedeutet Ihnen das?

Es ist eine spannende Zeit. Letztes Jahr wurde das 100-Jahr-Jubiläum der Jungfraubahn gefeiert, unlängst begingen wir das 125-Jahr-Jubiläum der RhB und der Schweizerische Nationalpark besteht seit hundert Jahren. Wir erinnern uns also zurück an ein Zeitalter, in dem vieles gegründet worden ist. Die technische Entwicklung und Industrialisierung auf der einen, der Tourismus auf der anderen Seite. Mit der Gründung des Nationalparks hat die Gesellschaft damals ein klares Zeichen gesetzt, dass es nicht nur Entwicklung mit grossen Infrastruktur-Projekten geben darf. Entwicklung ja, aber auch versuchen, Raum sich zu überlassen. Das wird in den nächsten 20 bis 30 Jahren eine der zentralen Herausforderungen sein.

Was wünschen Sie dem Nationalpark für die nächsten hundert Jahre?

Aus meiner Sicht ist es ganz wichtig, dass man den Stellenwert der Wissenschaft und der Forschung beibehält. Der Schweizerische Nationalpark ist ein hochwertiges Naturschutzgebiet, in welchem die Natur erlebbar ist. Da wird geforscht und diese Erkenntnisse sind von langfristigem Nutzen. Das ist zentral. Und das wird ja auch gut gemacht. Eine Herausforderung wird sicher der Ofenpass mit seiner Strasse durch den Park sein, dort sehe ich allerdings keine Alternative. Immerhin: Der SNP und der Regionale Naturpark Biosfera Val Müstair bilden zusammen die UNESCO Biosphäre Val Müstair - Parc Naziunal. Mich fasziniert zudem, dass der Nationalpark ganz im Kontrast steht zum eher Mondänen, das St. Moritz ausstrahlt. Das Engadin verfügt über beides. Wenn man das so erhalten kann für die nächsten hundert Jahre, ist das für die Region sehr attraktiv.

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