Aller au contenu principal

DiscoursPublié le 15 novembre 2025, mis à jour le 19 novembre 2025

710. Jahrzeit der Schlacht am Morgarten

Sattel, 15.11.2025 — Rede von Bundesrat Albert Rösti

(Es gilt das gesprochene Wort.)

Sehr geehrte Damen und Herren

Ganz herzlichen Dank für die Einladung! Es bedeutet für mich eine grosse Ehre, an der 710. Jahrzeit der Schlacht am Morgarten dabeisein zu dürfen.

Man sagt ja, die Geschichte sei eine gute Lehrerin, aber sie habe keine guten Schüler.

Ich meine, es lohnt sich, der «Lehrerin Geschichte» ab und zu etwas aufmerksamer zuzuhören, als wir dies gewöhnlich tun – dieser würdige, feierliche Anlass bietet allerbeste Gelegenheit dazu.

Es sind aus dem Morgartenkrieg vor allem drei Lektionen, die meiner Meinung nach zeitlos sind.

An den Anfang stelle ich das unkonventionelle Vorgehen der Eidgenossen. Man macht es anders als alle anderen:

Militärstrategen würden das als «asymmetrische Kriegsführung» bezeichnen; in der Wissenschaft und Forschung würde man wohl von einem Vorgehen «out of the box» sprechen; in der Finanzwelt würden es Investoren ein «contrarian play» nennen – und in der Staatspolitik sprechen wir vom «Schweizer Sonderweg».

Dann werde ich zweitens auf die föderalismuspolitischen Folgen eingehen:

Aus dem Jahr der Schlacht von Morgarten datiert ein Vertragsdokument, das den Bund von 1291 vertiefte und zum ersten Mal so etwas wie die Grundzüge einer Aussenpolitik entwarf. 1315 sagt uns deshalb auch viel über das Wesen unseres heutigen Bundesstaates.

Und drittens will ich die Bedeutung der Erinnerung und den Stellenwert der Geschichte erwähnen; es ist ja keine Selbstverständlichkeit, dass sich nach 710 Jahren hunderte Personen an einem kalten Tag versammeln, um einem Ereignis zu gedenken, das so lange zurückliegt.

Asymmetrie – Unser Schweizer Sonderweg

Ich beginne mit der Asymmetrie und der aussergewöhnlichen Strategie der Eidgenossen bei der Schlacht:

Eigentlich sprach ja nicht viel für einen Erfolg unserer Vorfahren. Die Kräfteverhältnisse waren klar. Da hatten wir auf der einen Seite ein aufstrebendes Adelsgeschlecht, die Habsburger. Sie betrieben eine äusserst geschickte Machtpolitik und hatten über Jahrzehnte ihr Herrschaftsgebiet stetig vergrössern können, auch auf dem Gebiet der heutigen Schweiz.

Sie beherrschten reiche Landschaften, blühende Warenumschlagplätze und Städte. Damit verfügten sie über grosse wirtschaftliche Ressourcen, was ja in jedem Konflikt bedeutend ist.

Ihr Aufstieg zeigte auch, dass die Habsburger Diplomatie, Bündnispolitik und Regierungsführung meisterhaft beherrschten.

Sie waren in der Lage, ein Heer zusammenzuhiehen, das weitherum zu den besten zählte. Dazu gehörte eine grosse Zahl schwer gepanzerter Ritter, die damals mondernste und wirksamste Waffengattung.

Die Ritter waren zudem hervorragend ausgebildet, sie waren Profis, Berufmilitärs; die mittelalterliche Standesordnung nannte sie den Wehrstand, sie waren also eine Gesellschaftsklasse, die das Kriegshandwerk als Lebensinhalt hatte.

Auf Seite der Eidgenossen dagegen sind es vor allem Bauern, Älpler, Handwerker; der Zeitgzeuge und Chronist Peter von Zittau schrieb, ein «sozusagen wehrloses, unbedeutendes Volk» aus einem Land, das «Schwyz und Uri» heisse, habe fast 2000 Mann erschlagen und der Herzog selber sei nur knapp entkommen.

Der Unterschied könnte nicht grösser sein: Die moderne Armee eines grossen, mächtigen Landes gegen rebellische Bergler. Eigentlich war also klar, wer diesen Krieg gewinnen würde – eigentlich.

Hätten sich die Eidgenossen in offener Schlacht den Habsburgern entgegengestellt, so wie es damals üblich war, dann hätten sie verloren. Die Schweiz gäbe es heute nicht.

Unsere Vorfahren wählten aber ein anderes Vorgehen: Sie machten sich das Gelände zunutze, legten einen Hinterhalt, griffen unerwartet an, rollten gemäss Überlieferung Steine und Baumstämme den Hang hinunter.

Damit verwandelten sie die grösste Stärke der Gegner – die schweren Rüstungen der Ritter – in eine tödliche Schwäche.

In den Jahrhunderten seither hat sich das Grundsätzliche nicht geändert:

Die Überlebensstrategie der Schweiz war und ist immer asymmetrisch – sie musste es sein. Etwas anderes war gar nie möglich. Wir sind durch die Umstände dazu gezwungen.

Und ganz wichtig: Nicht nur im Krieg wie damals, sondern auch im Frieden.

Ja, gerade auch im Frieden: Die Schweiz ist ein kleines Land. Viele Konkurrenten sind grösser, sie haben die grösseren Volkswirtschaften, sie haben die grösseren Märkte, sie haben die grössere Produktionsbasis, sie haben mehr Ressourcen, mehr Kunden und mehr Arbeitskräfte. Wir dürfen nicht die Grossen immitieren, wir müssen unsere eigenen Stärken ausspielen.

Man spricht ja oft von den «gleich langen Spiessen». Aber mit gleich langen Spiessen verlieren wir. So wie damals die Eidgenossen verloren hätten, wenn sie die habsburgischen Ritter hätten nachahmen wollen.

Wir dürfen nicht gleich sein, wir müssen anders sein, wir müssen besser sein. Weniger und bessere Gesetze, bessere Rahmenbedingungen, mehr Freiheit. Nur so haben wir eine Chance!

Der Bundesbrief von 1315 und das wertvolle Gleichgewicht im Föderalismus

Nun komme ich zur zweiten Lektion:

Ganz kurz nach der Schlacht am Morgarten, noch im selben Jahr, im Dezember, unterzeichneten die Urkantone einen neuen Bundesbrief, der den bestehenden von 1291 nicht nur erneuerte, sondern auch erweiterte.

Er entwarf unter anderem Grundzüge einer gemeinsamen Aussenpolitik, wirkte als Treue- und Beistandspakt, bekräftigte Unabhängigkeit und Souveränität und enthielt ein gemeinsames Bekenntnis, interne Streitigkeiten friedlich beizulegen.

Das ist ein erster Schritt vom Bundesbrief von 1291 weiter zum modernen Bundesstaat von heute. Und es ist in meinen Augen ein wichtiger Schritt; einer, der auch viel über den innersten Wesenskern unseres Landes aussagt:

Die Stände schliessen sich als gleichberechtigte Partner zusammen. Sie fusionieren nicht, behalten ihre eigene Ordnung, stimmen aber in wichtigen Angelegenheiten ihre Politik aufeinander ab.

Daraus ist dann nach und nach das austarierte Gleichgewicht entstanden, das unsere Schweiz auch heute noch auszeichnet. Irgendwann später hat es den Namen Föderalismus bekommen.

Dieses tiefe Verstädnis eines ausbalancierten Miteinanders von gleichwertigen Partnern hat auch den Schritt vom Staatenbund zum Bundesstaat überstanden:

Was nicht ausdrücklich Sache des Bundes ist, das ist Sache der Kantone. Die Stände haben ihre Parlamentskammer; für die Vertretung im Ständerat zählt der Stand, nicht die Grösse der Bevölkerung.

Das ist nicht einfach ein Anachronismus; das ist das Rezept für unsere Stabilität. Dank der starken Stellung der Kantone sind wir zu einem Ausgleich der Stände, Regionen und Landesteile geradezu gezwungen – aber es ist ein Zwang, der sich auf die Dauer als grosser Segen erwiesen hat.

Der Föderalismus gibt jenen Gewicht, die sonst stets von den grossen Kantonen und den urbanen Zentren in die Minderheit versetzt würden, den kleinen Ständen und damit oft auch Randregionen und Berggebieten.

Wir sehen im Ausland, welche politischen Spannungen und Frustrationen entstehen, wenn sich alles auf wenige Ballungsräume konzentriert und ganze Landstriche vernachlässigt und ganze Regionen vergessen werden.

Die Bedeutung der Geschichte heute

Drittens und abschliessend möchte ich auf die lange Tradition der Gedenkfeier eingehen:

Wir begehen heute die 710. Schlachtjahrzeit. Damit stehen wir in einer langen Tradition des Gedenkens.

Bereits im Mittelalter fanden kirchliche Schlachtjahrzeiten statt. Der Franzsikanermönch Johannes von Winterthur, der in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts lebte und den wir somit als Zeitzeugen betrachten können, berichtet in seiner Chronik vom Morgartenkrieg und davon, dass danach die Schwyzer den Sieg in der Schlacht jährlich feierten.

1501 wurde eine Schlachtkapelle erstmals erwähnt; 1603 wurde eine neue erbaut. Im Schwyzer Jahrzeitbuch findet sich für das Jahr 1521 einen Eintrag, wonach die Landsgemeinde einen offenbar älteren Beschluss erneuerte, eine jährliche Morgartenschlachtjahrzeit durchzuführen.

Damit ist das Gedenken an die Schlacht selbst auch bereits wieder ein Teil unserer Geschichte – eine Geschichte, die sich fortsetzt bis heute und die natürlich auch immer ein Spiegelbild ihrer Epoche ist.

Natürlich ändert sich die Tonalität über die Generationen, natürlich sind die Umstände verschieden, der Zeitgeist anders.

Einer meiner Berner Vorgänger im Bundesrat beispielsweise, Ruedi Minger, sagte am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, die Schlacht am Morgarten leuchte uns «wie die Morgensonne der Freiheit» aus der Geschichte entgegen.

An der Gedenkfeier von 1940 nahm General Henri Guisan teil. 1941 wurde die Geschichte der Schlacht ein erstes Mal verfilmt. Der erfolgreiche Freiheitskampf der Eidgenossen gegen einen übermächtigen Gegner spendete also Zuversicht und Selbstvertrauen in den dunklen Jahren der nationalsozialistischen Bedrohung.

Ich hebe diese Episode speziell hervor, weil sie uns die Bedeutung und den Wert der Geschichte besonders schön aufzeigt.

Unsere Geschichte gibt uns Halt und sie gibt uns auch Anlass zu Optimisimus, denn sie erinnert uns daran, dass wir als Land immer wieder in schwierigsten Zeiten haben bestehen können.

Und vor allem auch: Die Geschichte ist unser gemeinsamer Boden, auf dem wir als Volk, auf dem wir als Schweiz stehen. Hier finden wir das Gemeinsame, das Vereinende.

Und auch die Orientierung für weitere Entscheide: Nur wer weiss, wo er herkommt, weiss auch, wohin er gehen will.

In diesem Sinne, meine Damen und Herren, ist nichts so zukunftsgerichtet wie ein historischer Gedenkanlass – ich wünsche Ihnen allen weiterhin eine eindrückliche Feier und unserem Land eine Zukunft in Frieden und Freiheit!